Grandios gescheitert – vorbei ist es mit Ruhe und Balance

Projekte scheitern, gelegentlich.

Es gibt auch gefühlt 1.000 Studien zu Gründen, warum Projekte scheitern. Besonders interessant finde ich dabei die jeweils ganz unterschiedlichen Definitionen von Scheitern. Wahrscheinlich ist das abhängig vom Auftraggeber oder vom Zweck der Studie. Vielleicht soll Angst verbreitet oder Schuldgefühle geweckt werden. “Mit (unserer) Beraterunterstützung wäre das nicht passiert.”
Wer’s glaubt …

Beispiele aus dem Tango?

– der Tanz mit einem Tanzpartner hat überhaupt nicht geklappt

Beispiele aus einem Projekt?

– abgebrochen, weil Kostenrahmen gesprengt
– abgebrochen, weil Ziel nicht (mehr) erreichbar
– abgebrochen, weil sich das Umfeld so stark verändert hat
– eine der Studien fasst beispielsweise zusammen: “Die meisten IT-Projekte scheitern an unklaren Zielen, unrealistischen Zeitvorgaben und fehlender Abstimmung aller am Projekt Beteiligter.”

Scheitern ist in Deutschland mit einem großen Makel behaftet – leider. Wer scheitert ist ein Versager.
Andere Kulturen gehen entspannter damit um und ziehen aus jeder Niederlage eine nützliche (“positive”) Lehre.
Hinfallen ist erlaubt, liegenbleiben dagegen nicht.

Eine Niederlage zieht einen emotional erst mal herunter, die Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt.
Die Balance ist dahin …
Das ist verständlich und in Ordnung.

Manchmal wird in Unternehmen ein Projektreview gemacht.
Ich habe selbst einige davon erlebt. Häufig ist die Herangehensweise dabei: “wer ist schuld?”, “lasst uns in der Scheiße rühren” – besonders motivierend 🙁

Ich finde es viel angenehmer und produktiver, mit der Denkhaltung zu arbeiten: “was können wir für die Zukunft daraus lernen / welchen Nutzen können wir davon haben / was war gut in dem Projekt?”
Ob das möglich ist, hängt von der Führungskultur im Unternehmen ab. Ich habe alle Varianten erlebt.

Die Schuldfrage hat mich in meiner Führungsarbeit nie interessiert. Ich stelle die Frage: “wie kommen wir gemeinsam wieder aus der Situation heraus, ohne allzu große Schäden für den Einzelnen, für das Team und das Unternehmen?”
Nach der Lösung des akuten Themas beschäftigen wir uns mit den Lehren und dem, was wir tun, damit das in Zukunft nicht mehr passiert.

Wollen wir uns runterziehen lassen von der Niederlage?
Vielleicht kurz mal, wenn sie gerade passiert ist, niemals jedoch auf Dauer.
Lasst uns das Beste daraus machen!

Um wieder in Balance zu kommen, geh folgendermaßen vor:

  • Setze (dir) gleich einen festen Termin, zu dem du eine (kurze) Nachbetrachtung oder Analyse des Scheitern machst.
  • Lass einige Tage oder maximal 3 Wochen Zeit verstreichen nach der Niederlage, bis du wieder “ansprechbar” bist.
  • Mach diese Analyse, sachlich, realistisch, offen und frei von Schuldzuweisungen.
  • Schreib dir auf oder merke dir auf andere für dich wirksame Weise:

1. was war besonders gut in dem Projekt?
2. was waren die Hauptursachen für das Scheitern?
2. was kann für die Zukunft verallgemeinert werden?
3. welche Umstände kann ich in zukünftigen Projekten selbst beeinflussen?
4. wie kann ich es beeinflussen und was will ich tun?
5. wie gehe ich mit den Bedingungen um, die ich nicht beeinflussen kann?

Ein Buchtipp mit Anregungen, besonders für große Projekte:

Norman L. Kerth; Project Retrospective
Die deutsch Übersetzung gibt es als “Post Mortem” beim mitp-Verlag.

 

Mit einigem Geschick kann man sich aus den Steinen,
die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.
(Robert Lembke)

Falls du willst, betrachte das Scheitern oder die Niederlage – je nach dem, wie du es für dich nennst – nach einem halben oder nach einem Jahr noch einmal. Vielleicht entdeckst du dann Auswirkungen, die nützlich für dich waren.

Bei der Nachbetrachtung wirst du Themen finden, die du beeinflussen kannst und welche finden, die du nicht beeinflussen kannst.
Wenn du nicht durchdrehen und in Depressionen verfallen willst, dann konzentriere dich auf das, was du selbst tun kannst. Bleib bei dem, was du beeinflussen kannst.

Und akzeptiere das, was du nicht beeinflussen kannst. Falls dir das schwer fällt, ändere deine Sichtweise darauf.

Die Niederlage hakst du nach dieser Betrachtung ab, legst sie in die Schublade und blickst und lebst optimistisch in die Zukunft.

So unterstützt du deine Balance.

Erinnere Dich an Deine Erfolge, statt an Deine Niederlagen!
(Heike Henkel)